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Jede Woche etwas Neues oder Altes. Soweit nicht anders angegeben, stammen alle Texte und Bilder von Volker Friebel.

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Aus dem Haiku-Seminar vom Freitag, 8. bis Sonntag, 10. Dezember 2017 im Kloster Heiligkreuztal bei Riedlingen (Donau).

 

 

 

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Foto Di. 28.11.2017, Haiku Mi. 29.11.2017, Playa de Esquinzo, Fuerteventura

 

 

 

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Diese Woche ist Seminar, Entspannungspädagogik für Kinder. Deshalb etwas zum Thema:

 

Ritter Blech im Garten

Mach es dir ganz bequem  ... Während du dich noch räkelst, kannst du schon beginnen, angenehm ruhiger zu werden  ... Deine Augen können noch offen bleiben und auch zu ruhen beginnen – oder sie können sich schließen und die angenehme Ruhe spüren  ... Du hörst vielleicht noch Geräusche um dich, im Raum  ... oder von draußen  ... Und irgendwann können die Geräusche und jede Bewegung ganz gleichgültig werden  ... Und du spürst vielleicht schon, wie gut es sich anfühlt, einfach so da zu sein und eine Traumreise zu erleben  ..., sich alles genau vorzustellen  ..., alles selbst ganz mitzuerleben  ... und in sich zu sehen  ... und in sich zu spüren  ...

Die Tür vom Haus zum Garten der Amseln steht offen. Frische Luft strömt in das Wohnzimmer. Auf dem Sofa sitzt Ritter Blech. Eigentlich wohnt er im Kinderzimmer auf dem Regal mit dem Spielzeug. Leon hat ihn gestern beim Zubettgehen vergessen  ...

Ritter Blech öffnet ein Auge  ... Als er sieht, dass die Luft rein ist, öffnet er auch das andere Auge  ...

Durch die Tür fällt ein Lichtstrahl. Staubflocken tanzen in ihm  ... Ritter Blech schaut ein Weilchen den Staubflocken zu  ...

‚Ob die Flöckchen vielleicht eine Musik hören und zu ihr tanzen?‘, fragt er sich. ‚Eine Musik, die nur die Flöckchen hören und nicht ich?‘  ... Ritter Blech klettert vom Sofa hinunter und geht in den Garten. Das hat er noch nie getan  ...

Im Garten gibt es eine Musik. Es sind die Lieder der Vögel. Ritter Blech geht über die Wiese  ...

Der Duft des Grases  ... Das warme Licht  ... Die Melodien der Bäume  ... Sind es die Bäume, die rauschen und singen oder sind es der Wind und die Vögel?  ... Das Rauschen ist schön  ... Die Lieder sind schön  ...

Vor einem Gartenzwerg bleibt Ritter Blech stehen. „Hallo, Oskar“, sagt er und knirscht mit der Rüstung.

Oskar lächelt ihn an, aber er antwortet nicht. Vielleicht, weil er immer lächelt und nicht antworten kann. Er hält eine Laterne ohne Licht in der Hand  ...

Die Strahlen der Sonne sind heller als jede Laterne. Ritter Blech geht weiter über die Wiese  ...

An der Pusteblume bleibt er stehen. Soll er die Schirmchen in den Himmel pusten? Oder soll er sie einfach betrachten?  ... Eine Weile überlegt er, dann kniet er sich hin und freut sich an der Schönheit der silbernen Kugel  ...

Eine Biene summt an Ritter Blech und der Pusteblume vorbei  ... Ritter Blech hebt den Kopf, dass seine Scharniere nur so knirschen, und schaut ihr nach  ... Schon ist sie im Himmel verschwunden  ...

Ein Schmetterling lässt sich auf der Nachbarblume nieder. Ritter Blech hält den Atem an  ... Der Schmetterling krabbelt auf der blauen Blume  ... Dann steht er still und öffnet seine Flügel  ... Er lässt seine Flügel von der Sonne bescheinen  ...

Ritter Blech schaut regungslos auf den Schmetterling  ... Er spürt die Ruhe in ihm  ... Und er spürt die Wärme der Sonne  ... Er spürt die Ruhe und die Wärme auch in sich selbst  ...

Plötzlich fliegt der Schmetterling auf und flattert hoch in den Himmel  ... Auch Ritter Blech steht wieder auf. Er geht über die Wiese zum Haus zurück  ...

Die Tür steht noch offen. Ritter Blech tappt über den Fußboden zum Sofa. Mühsam klettert er wieder hinauf.

Ritter Blech setzt sich wieder auf das Sofa. Hier ist es schön! Aus dem Garten der Amseln tönen noch immer die Lieder der Vögel  ...

Ritter Blech schließt ein Auge. Er spürt die Ruhe in sich – und die Wärme  ... So schließt er auch noch das andere Auge. Die Lieder sind immer noch da  ...

Und nun kommt die Traumreise langsam zum Ende, und du kehrst zurück in den Raum  ... Du spürst wieder den Raum um dich und hörst seine Geräusche  ... Die Ruhe ist weiter in dir. Und die Kraft. Du spürst vielleicht, wie die Ruhe und die Kraft in dir stärker geworden sind  ... Die Augen können sich wieder öffnen  ... Atme tief durch! Reck dich und streck dich  ...

 

    Aus Volker Friebel (2016): Im Garten der Amseln. Traumreisen für Kinder. Tübingen: Edition Blaue Felder.

 

 

 

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Die Gänse vom Schwärzloch

Gänseweide.
Eine Feder heben,
in den Novemberwind.

Wir stehen an der Ausfluggaststätte Schwärzloch bei Tübingen, am Gatter zur Gänseweide. Vor einigen Wochen waren wir schon einmal hier. Jetzt ist die Herde auf ein kleines Häufchen geschrumpft. Wo sind die anderen hin?

Kürzlich habe ich die Kühltruhen im Supermarkt durchsucht. Und da fand ich sie, als Sonderangebot: 3,79 Euro eine Mastgans aus Ungarn oder Polen, 9,99 Euro eine Gans aus deutscher Freilandhaltung. „Je Kilogramm“ stand klein darunter. Immerhin. Bei 4 Kilogramm je Gans dürfte die Schwärzloch-Wirtin nach Abzug der Unkosten kaum 20 Euro je Leben erlösen. Im Jahr davor war es weniger.

Ich sehe, wie diese Rechnung Tränen in Elisabeths Augen treibt. Auch in meine. „Aber euer Herz behaltet ihr bis in das Eis“, nicke ich den Gefiederten zu. „Mit Innereien“, sicherte die Verpackung zu.

Man kann sagen, dass die tapfere Wirtin etwas Gutes für die promenierenden Menschlein tut, vor allem für die kleinen, die beim Anblick der Herde zu strahlen beginnen und sofort Grashalme rupfen, um sie durch den Zaun zu strecken. Viel Gutes auch für die Gänse, die ohne Wirtin und Wirtshausgäste nicht in der Welt wären, denen sie diese Spanne Leben geschenkt hat. Sie nimmt dafür nur ein kleines Entgelt, für die Unkosten und als Zubrot für ihre eigene Spanne Leben.

Entgelt? Ein Geschenk also doch nicht.

Aber ohne die Wirtin und ihre Speisekarte gäbe es keine Gänse, jedenfalls keine Hausgänse. Sie sind nicht lebensfähig in der offenen Natur. Wenn alle Menschen aufhören würden, Gänse zu essen, wäre das Völkchen wohl frei, aber es ginge zu Grunde, auch diese wenigen Monate würden ihm hartherzig gestrichen. Also ein Hoch auf die Wirtin und ihre Gäste am Tisch!

Doch wenn es entstanden ist, gleich wie und warum, bewegt sich das Leben und strampelt sich frei. Macht sich nicht jeder, der es wieder nimmt, selbst sein Schöpfer, dann schuldig?

Diese Rechtsauffassung wäre allerdings sehr bedenklich für den großen Schöpfer, den allmächtigen, ohne den nichts geschieht (wenn es ihn gibt). Auch er müsste vor einem solchen Paragraphen zittern.

Und überhaupt: Wohl jede Gans hat zwischen den Halmen als leckere Beikost den einen oder anderen Regenwurm aus der Erde gezogen und ohne jeden Skrupel verspeist. Unschuldig sind sie selbst nicht.

Doch ich mag nicht weiter hin- und hersinnen. Ich will einfach die Gänse bewundern, ihre weiße Schönheit, ihre Freiheit im fetten Gras hinter dem Gatter, ihren unverkennbaren Stolz, ihre Aufrichtigkeit, ihren Mut, den sie uns Riesen mit dem Drohen der Schnäbel sofort beweisen. Und ich freue mich, wie sie sofort zu lauschen beginnen, als Elisabeth mit ihnen spricht, sie lobt, ihnen schmeichelt. Nur noch ganz diesen Moment will ich sein, in dem es keine Probleme gibt, nur die Gänse und wir, gegenüber, zusammen.

Im Flug der Wolken
wechselndes Weiß.
Menschenunschuld.

 

 

 

2017

Woche 45 

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Emils neue Trommel
Geschichte für Kinder

Wie jeden Sonntag ist auf dem großen Parkplatz vor dem Möbelhaus Flohmarkt. An den Ständen drängen sich Menschen. Da gibt es Kuckucksuhren, Bücher und Musik, Filme, Teller und Tassen, Bratpfannen, Bilder, Schlitten, Ski und Skistiefel, Lampen, Küchenmöbel, Orden und Pokale, eine Herdplatte und noch viel mehr.

Emil steht schon lange vor diesem einen Stand und schaut sich die Trommel an. Es ist eine kleine Trommel, sie wäre gerade richtig für ihn. Wie ein Topf aus Holz sieht sie aus, dessen Öffnung mit einem Fell bespannt ist.

Die Verkäuferin hat wenig zu tun. Die Leute strömen an ihrem Stand vorbei. Sie sieht den Jungen – und greift nach der Trommel. Sie spielt dem Jungen auf der Trommel vor.

Tam, ta-Tam Tam, ta-ta Tam Tam.

Emil spürt sein pochendes Herz. „Was kostet die Trommel?“, fragt er laut.

Wenig später sitzt er in seinem Zimmer zu Hause. Er streicht mit den Händen über die Trommel: das Holz, das Fell.

Er versucht ein paar Schläge: Tam ta-Tam, Tam ta-Tam.

Der Ton gefällt ihm.

Tam Tam – ta-ta-Tam Tam. Tam Tam ta-ta-Tam Tam.

Eine ganze Weile spielt er so auf der Trommel, bis er seine Finger spürt. Das ist er nicht gewohnt. Aber er wird sich daran gewöhnen, denn die Trommel ist wunderbar!

Wieder schlägt er: Tam Tam Tam.

Als er dann lauscht, mit seinen schmerzenden Fingern, spürt er hinter dem kurzen Hall des letzten Schlags noch etwas anderes, etwas, das kein Ton ist, aber doch immer lauter wird.

Er schlägt wieder ein paar Töne: Tam Tam ta-Tam.

Und lauscht.

Tam ta-Tam Tam Tam.

Und lauscht.

Hinter den Tönen in diesem Lauschen scheint sich sein ganzes Zimmer zu verändern. Oder eigentlich nicht zu verändern, sondern sich neu zu zeigen. Als wollte auch das Zimmer laut werden und zu reden beginnen.

Die Bücher in seinem Regal. Die großen Augen der Plüschtiere. Der Drache. Der Ball.

Tam-ta ta-Tam Tam.

Emil wechselt ab mit dem Schlagen und Lauschen.

„Die Töne werden so schön durch die Stille“, sagt er dann laut zu seinem Hasen Eddie.

Die Mutter ruft zum Essen. Emil stellt die Trommel mitten ins Zimmer. Er weiß, dass sie hier auf ihn warten wird, mit Eddie, mit ihren Tönen und mit der ganzen Stille ringsum.

 

    Aus dem soeben erschienenen: Volker Friebel (2017): Tanz um die Quelle. Meditative Tänze mit Kindern. Tübingen: Edition Blaue Felder.

 

 

 

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Woche 44 

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Ein Ausflugsbus fährt in den Norden, nach Connemara, einer wilden Landschaft mit Heide, Moor und Bergen. Schafe weiden. Menschen sieht man kaum.

Mit dieser Landschaft verbinde ich John O’Donohue (1956-2008), der mit seinem Buch Anam Cara berühmt wurde, verbinde ihn, obwohl er eigentlich vom Burren, der Gegend südlich von Galway, stammt. An eine Lesung in Tübingen erinnere ich mich gern.

O’Donohue erzählte, dass er in Tübingen Dialektik studiert und über Hegel promoviert habe. Als er aber nach Irland zurückkehrte und den Gesprächen der einfachen Menschen lauschte, fand er gar nichts davon.

Aussagen, meinte er, waren ganz rar. Es wurde im Gegenteil im Gespräch alles peinlichst vermieden, das man gegeneinanderhalten und über eine Auseinandersetzung zu einer Lösung bringen könnte.

Stattdessen fanden sich vorsichtige, indirekte Bemerkungen, die im Gesprächsverlauf erst ganz langsam eine Richtung einschlugen, mit „Möglicherweise ...“, „Es wäre vielleicht interessant ...“, „Man könnte doch mal ...“

Auf so etwas ließen sich die Menschen ein, und aus dem Vagen konkretisierte sich konfliktfrei immer mehr etwas, das alle einschloss – und am Ende wurde der Weidezaun tatsächlich geflickt.

Eigentlich, denke ich nun, ist das auch Dialektik. Erweitert um eine soziale Dimension.

Früher war O’Donohue katholischer Priester. Und schrieb in Anam Cara: „Wenn es einen spirituellen Weg gäbe, wäre er nur einen halben Zentimeter lang. Er würde lediglich darin bestehen, sich in den Rhythmus der eigenen inneren Natur und Gegenwart einzustimmen.“

Sein Grab liegt abseits der Menschen auf dem Burren. Das Denkmal darauf ist aus Holz.

 

    Aus dem Kapitel Galway in: Volker Friebel (2015): Im ausgewilderten Licht. Orte und Wanderungen. Tübingen: Edition Blaue Felder.

 

 

 

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Haiga-0095a-VolkerFriebel

 

Foto und Haiku sind aus dem letzten Jahr, mitgebracht von einer Reise durch Patagonien, die ich gerade zum Buch verarbeite, dabei fanden die beiden zum Foto-Haiku zusammen. Das war am Lago General Carreras, in den Anden, im chilenischen Sommer ...

 

 

 

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Haiku und Foto: Donnerstag, 19. Oktober 2017 am Silsersee, Oberengadin.

 

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