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Jede Woche etwas Neues oder Altes. Soweit nicht anders angegeben, stammen alle Texte und Bilder von Volker Friebel.

Zu einem reinen Reise-Blog geht es hier.

 

 

 

2018

Woche 2

Januar   

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[...]

Durch flaches Land an der erstarrten Brandung der Anden, durch Staub und Wind. Nach Stunden wieder Bläue, ein Fjord: „Ultima Esperanza“, letzte Hoffnung. Ein Schneegipfel. Weiße Blütenblätter. Die Schärfe aller Farben. Ob es zusammenklingt, ob es zu widersprechen scheint: Alles ist schön. Alles lässt uns fassungslos nur noch diese Schönheit betrachten.

Alle Worte versagen in dieser schroffen, einsamen Schönheit. Weiter geht es, einfach nur weiter , den Fjord entlang, durch das Städtchen Puerto Natales, und immer noch weiter, nach Punta Arenas, an die blaue Straße des Magellan.

Unter Schneegipfeln
ein See. Flamingos färben
den Wind.

Fjord der letzten Hoffnung –
über der Gischt
Kamilleblüten.

[...]

 

    Aus dem eben erschienenen Reisebuch: Volker Friebel (2018): Vulkane, Gletscher, weites Land. Eine Reise durch Patagonien und Feuerland. Tübingen: Edition Blaue Felder, PapierBuch und eBuch.

 

 

 

2018

Woche 1

Januar   

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4 Rätsel

 

Bewegst du dich, bewegt er sich mit,
begleitet dich auf Schritt und Tritt.
Ohne Licht
aber gibt es ihn nicht.

 

Früher haute man Worte in Stein,
ritzte in Tontafeln Zeichen hinein.
Worauf malen und schreiben denn wir?
Es ist das ...

 

Zwei Beine hat sie, genau wie du.
Du ziehst sie an und knöpfst sie zu.

 

Bist du in ihr, bist du im Wasser,
im Meer selbst wäre es nicht nasser,
doch schwimmen kannst du darin schlecht.
Sie steht zu Hause, hab ich Recht?

 

    Aus: Volker Friebel (2012): Rätsel für Kinder. Tübingen: Edition Blaue Felder. Nur als eBuch.

 

 

 

2017

Woche 52

Dezember   

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Leaning into the wind

Im Kino sah ich heute „Leaning into the wind“ mit Andy Goldsworthy, 97 Minuten, deutsche Produktion auf Englisch mit deutschen Untertiteln, Elisabeth hatte mich hinein bugsiert.

Andy Goldsworthy war mir nur aus Bücherwerbung bekannt: Kunstwerke in der Natur, Land Art. Einerseits fasziniert mich das, andererseits kann ich es nicht leiden. Die Kunstwerke in der Natur, die ich hier und da sah, bestärkten mich vor allem in meiner Abneigung. Holzsägearbeiten, aufeinandergetürmte Steine, Metallskulpturen, ein Bilderrahmen vor einer Landschaft, ein Haiku-Pfad mit in die Bäume genagelten Gedichten ...

Da gab es allerdings auch gelegte Mandalas in der Nähe des Waldkindergartens. Und lagen nicht in der Nähe des Frau-Holle-Teichs auf dem Hohen Meißner, wo wir hingefahren waren, um die hohe Dame für ein wenig mehr Einmischung in die menschliche Welt zu gewinnen, auf dem Waldboden gerahmte Gedichte, die in der Landschaft geborgen verrotteten?

Meine Vorsicht blitzt immer schnell auf, wenn ich irgendwo zwischen den drapierten Steinen und Ästen Ideologie vorlugen sehe. Die gehört in die Stadt, in die Zentralen der farbentragenden Parteien, in die Verlautbarungen des Regimefernsehens, in alles, was ich verachte, aber nicht in den Wald, an das Wasser, auf das offene Feld. Wahrscheinlich gefiel mir der Film deshalb so gut, er bleibt ganz persönlich.

Goldsworthy handelt. Ökologisch, nachhaltig, meditativ kann er mal sein – und dann das Gegenteil, dann fährt er Bagger auf und startet Steinsägen. Früher waren die Dinge klarer, sagt er. Inzwischen vermische sich vieles, werde unklarer. Aber immer noch versuche er die Welt zu verstehen. Durch Tun, durch Verändern, Manipulieren, Verfremden, sich an die Stelle der Natur setzen. Und spüren, was sich ereignet. Meiner eigenen Herangehensweise ist das diametral entgegengesetzt. Nicht weil ich Worte und Klänge statt Lehm, Äste und Stein verwende, sondern weil ich nur betrachte – und dann mit anderen Mitteln etwas Neues aus der unverfälschten Betrachtung erschaffe, sei es in Wort, Klang oder Bild, beim Betrachten aber sorgfältig darauf achte, nichts zu verändern, möglichst keine eigene Spur zu hinterlassen. Goldsworthy ist ein feiner Mensch – und kommt auch mal auf dem Bagger und mit einer Motorsäge daher, er verändert und begreift sich und die Natur durch das Erspüren der Natur in dieser Veränderung.

Den ganzen Film durch beschäftigte mich unterirdisch die Frage: Ist das nun nur persönlich? Ein Mensch, der aus der Kunst eine Geldquelle zu machen verstanden hat, der nun tun darf, was ihm gefällt und durch das Geld zu noch ein bisschen mehr Verrücktheiten getrieben wird? Oder kann es sein, dass er, obwohl er keine Ideologie vertreten mag, damit auch etwas für uns andere tut? Was die Frage aufwürfe, warum wir es nicht selbst tun, zuvor aber noch, was das denn sein soll, das er für uns tut.

Elisabeth schob ihr Fahrrad, ich ging zu Fuß, und ich will nun gar nicht alles aufführen, auf das wir kamen. Nur das Ergebnis: Es ist gut getan.

All die Verrücktheiten des Künstlers sind nicht deshalb wichtig, weil sie einen ideologisch korrekten Hintergrund haben oder gut überlegt sind, sondern weil sie „verrückt sind“, weil sie etwas anderes in unser wohlgefügtes, weichgespültes Dasein der Supermärkte, Arbeitsplätze und staatstragender Nachrichtensendungen setzen, mal pure Schönheit – aber Vorsicht, die gibt es auf Werbeplakaten mehr als genug –, mal Stacheln, mal Verfremdungen, mal Träume – aber immer in der wirklichen Welt, nie im Studio. Weil sie etwas in unser Leben setzen, das hakt, das als Fremdes in uns wirkt, das nicht werbend berechnend auf uns abgestimmt ist, an dem wir gerade deshalb, wenn wir uns darauf einlassen, aus dem Takt kommen, aus dem Trott und plötzlich aufsehen, um uns herum, und in diesem Aufschauen das Leben neu spüren und seine und unsere Lebendigkeit.

Der Film wird kein Kassenschlager. Aber er ist da. Und das freut mich.

 

 

 

2017

Woche 51

Dezember   

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Jenseits des Tanzes

Da ist kein Weg,
kein „Wohin“ und „Wozu“,
nur dieses Gehen, Empfinden,
Singen, dem anderen begegnen,
da ist keine Bewegung
jenseits des Tanzes.

Ob das die Steine schon wissen
und deshalb so fest sind?
Ob das die Blätter schon wissen
und deshalb fallen im Herbst?
Ob das die Bäume schon wissen
und deshalb knospen im Frühling?
Ob ich alles selber denn weiß,
eine Wolke, die durch das Licht zieht,
der sinkenden Sonne nach?

 

    Aus Friebel, Volker (2008): Brunnensteine. Gedichte und Haiku. Zweite Ausgabe. Tübingen: Edition Blaue Felder.

 

 

 

2017

Woche 50 

Dezember   

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Feuer ausschütteln
Übung für Kindergruppen

„Feuer ausschütteln“ nimmt überschüssige Energie auf und verwandelt sie in ein Spiel. Das gibt Selbstvertrauen, baut Anspannung ab, lockert und kann besonders günstig sein, wenn es gut ist, sich abzureagieren, etwa nach einem Streit. Wir geben dazu spielerisch unsere Energie in die Mitte hin ab. Das Feuer in der Mitte darf lodern – und wir werden ruhiger dabei.

Wir stehen im Kreis und stellen uns vor, dass sich in der Mitte unser Lagerfeuer befindet. Aber seine Asche ist kalt. Wir müssen das Feuer wieder lodern lassen! Wir schütteln das Feuer aus uns heraus!

Dazu gehen wir alle gleichzeitig mehrere Schritte auf die Mitte zu, rufen zusammen ein langgezogenes „Aaa“ und schütteln unsere Hände zur Mitte hin aus. Dann gehen wir schweigend wieder zurück – für den nächsten Durchgang. Nach einigen Durchgängen beenden wir, wenn unser Feuer in der Mitte wieder prächtig lodert.

 

    Aus dem neu erschienenen: Volker Friebel (2017): Tanz um die Quelle. Meditative Tänze mit Kindern. Tübingen: Edition Blaue Felder.

 

 

 

2017

Woche 49 

Dezember   

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Haiga-0098a-VolkerFriebel

Aus dem Haiku-Seminar vom Freitag, 8. bis Sonntag, 10. Dezember 2017 im Kloster Heiligkreuztal bei Riedlingen (Donau).

 

 

 

2017

Woche 48 

November / Dezember   

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Haiga-0096a-VolkerFriebel

Foto Di. 28.11.2017, Haiku Mi. 29.11.2017, Playa de Esquinzo, Fuerteventura

 

 

 

2017

Woche 47 

November   

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Diese Woche ist Seminar, Entspannungspädagogik für Kinder. Deshalb etwas zum Thema:

 

Ritter Blech im Garten

Mach es dir ganz bequem  ... Während du dich noch räkelst, kannst du schon beginnen, angenehm ruhiger zu werden  ... Deine Augen können noch offen bleiben und auch zu ruhen beginnen – oder sie können sich schließen und die angenehme Ruhe spüren  ... Du hörst vielleicht noch Geräusche um dich, im Raum  ... oder von draußen  ... Und irgendwann können die Geräusche und jede Bewegung ganz gleichgültig werden  ... Und du spürst vielleicht schon, wie gut es sich anfühlt, einfach so da zu sein und eine Traumreise zu erleben  ..., sich alles genau vorzustellen  ..., alles selbst ganz mitzuerleben  ... und in sich zu sehen  ... und in sich zu spüren  ...

Die Tür vom Haus zum Garten der Amseln steht offen. Frische Luft strömt in das Wohnzimmer. Auf dem Sofa sitzt Ritter Blech. Eigentlich wohnt er im Kinderzimmer auf dem Regal mit dem Spielzeug. Leon hat ihn gestern beim Zubettgehen vergessen  ...

Ritter Blech öffnet ein Auge  ... Als er sieht, dass die Luft rein ist, öffnet er auch das andere Auge  ...

Durch die Tür fällt ein Lichtstrahl. Staubflocken tanzen in ihm  ... Ritter Blech schaut ein Weilchen den Staubflocken zu  ...

‚Ob die Flöckchen vielleicht eine Musik hören und zu ihr tanzen?‘, fragt er sich. ‚Eine Musik, die nur die Flöckchen hören und nicht ich?‘  ... Ritter Blech klettert vom Sofa hinunter und geht in den Garten. Das hat er noch nie getan  ...

Im Garten gibt es eine Musik. Es sind die Lieder der Vögel. Ritter Blech geht über die Wiese  ...

Der Duft des Grases  ... Das warme Licht  ... Die Melodien der Bäume  ... Sind es die Bäume, die rauschen und singen oder sind es der Wind und die Vögel?  ... Das Rauschen ist schön  ... Die Lieder sind schön  ...

Vor einem Gartenzwerg bleibt Ritter Blech stehen. „Hallo, Oskar“, sagt er und knirscht mit der Rüstung.

Oskar lächelt ihn an, aber er antwortet nicht. Vielleicht, weil er immer lächelt und nicht antworten kann. Er hält eine Laterne ohne Licht in der Hand  ...

Die Strahlen der Sonne sind heller als jede Laterne. Ritter Blech geht weiter über die Wiese  ...

An der Pusteblume bleibt er stehen. Soll er die Schirmchen in den Himmel pusten? Oder soll er sie einfach betrachten?  ... Eine Weile überlegt er, dann kniet er sich hin und freut sich an der Schönheit der silbernen Kugel  ...

Eine Biene summt an Ritter Blech und der Pusteblume vorbei  ... Ritter Blech hebt den Kopf, dass seine Scharniere nur so knirschen, und schaut ihr nach  ... Schon ist sie im Himmel verschwunden  ...

Ein Schmetterling lässt sich auf der Nachbarblume nieder. Ritter Blech hält den Atem an  ... Der Schmetterling krabbelt auf der blauen Blume  ... Dann steht er still und öffnet seine Flügel  ... Er lässt seine Flügel von der Sonne bescheinen  ...

Ritter Blech schaut regungslos auf den Schmetterling  ... Er spürt die Ruhe in ihm  ... Und er spürt die Wärme der Sonne  ... Er spürt die Ruhe und die Wärme auch in sich selbst  ...

Plötzlich fliegt der Schmetterling auf und flattert hoch in den Himmel  ... Auch Ritter Blech steht wieder auf. Er geht über die Wiese zum Haus zurück  ...

Die Tür steht noch offen. Ritter Blech tappt über den Fußboden zum Sofa. Mühsam klettert er wieder hinauf.

Ritter Blech setzt sich wieder auf das Sofa. Hier ist es schön! Aus dem Garten der Amseln tönen noch immer die Lieder der Vögel  ...

Ritter Blech schließt ein Auge. Er spürt die Ruhe in sich – und die Wärme  ... So schließt er auch noch das andere Auge. Die Lieder sind immer noch da  ...

Und nun kommt die Traumreise langsam zum Ende, und du kehrst zurück in den Raum  ... Du spürst wieder den Raum um dich und hörst seine Geräusche  ... Die Ruhe ist weiter in dir. Und die Kraft. Du spürst vielleicht, wie die Ruhe und die Kraft in dir stärker geworden sind  ... Die Augen können sich wieder öffnen  ... Atme tief durch! Reck dich und streck dich  ...

 

    Aus Volker Friebel (2016): Im Garten der Amseln. Traumreisen für Kinder. Tübingen: Edition Blaue Felder.

 

 

 

2017

Woche 46 

November   

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Die Gänse vom Schwärzloch

Gänseweide.
Eine Feder heben,
in den Novemberwind.

Wir stehen an der Ausfluggaststätte Schwärzloch bei Tübingen, am Gatter zur Gänseweide. Vor einigen Wochen waren wir schon einmal hier. Jetzt ist die Herde auf ein kleines Häufchen geschrumpft. Wo sind die anderen hin?

Kürzlich habe ich die Kühltruhen im Supermarkt durchsucht. Und da fand ich sie, als Sonderangebot: 3,79 Euro eine Mastgans aus Ungarn oder Polen, 9,99 Euro eine Gans aus deutscher Freilandhaltung. „Je Kilogramm“ stand klein darunter. Immerhin. Bei 4 Kilogramm je Gans dürfte die Schwärzloch-Wirtin nach Abzug der Unkosten kaum 20 Euro je Leben erlösen. Im Jahr davor war es weniger.

Ich sehe, wie diese Rechnung Tränen in Elisabeths Augen treibt. Auch in meine. „Aber euer Herz behaltet ihr bis in das Eis“, nicke ich den Gefiederten zu. „Mit Innereien“, sicherte die Verpackung zu.

Man kann sagen, dass die tapfere Wirtin etwas Gutes für die promenierenden Menschlein tut, vor allem für die kleinen, die beim Anblick der Herde zu strahlen beginnen und sofort Grashalme rupfen, um sie durch den Zaun zu strecken. Viel Gutes auch für die Gänse, die ohne Wirtin und Wirtshausgäste nicht in der Welt wären, denen sie diese Spanne Leben geschenkt hat. Sie nimmt dafür nur ein kleines Entgelt, für die Unkosten und als Zubrot für ihre eigene Spanne Leben.

Entgelt? Ein Geschenk also doch nicht.

Aber ohne die Wirtin und ihre Speisekarte gäbe es keine Gänse, jedenfalls keine Hausgänse. Sie sind nicht lebensfähig in der offenen Natur. Wenn alle Menschen aufhören würden, Gänse zu essen, wäre das Völkchen wohl frei, aber es ginge zu Grunde, auch diese wenigen Monate würden ihm hartherzig gestrichen. Also ein Hoch auf die Wirtin und ihre Gäste am Tisch!

Doch wenn es entstanden ist, gleich wie und warum, bewegt sich das Leben und strampelt sich frei. Macht sich nicht jeder, der es wieder nimmt, selbst sein Schöpfer, dann schuldig?

Diese Rechtsauffassung wäre allerdings sehr bedenklich für den großen Schöpfer, den allmächtigen, ohne den nichts geschieht (wenn es ihn gibt). Auch er müsste vor einem solchen Paragraphen zittern.

Und überhaupt: Wohl jede Gans hat zwischen den Halmen als leckere Beikost den einen oder anderen Regenwurm aus der Erde gezogen und ohne jeden Skrupel verspeist. Unschuldig sind sie selbst nicht.

Doch ich mag nicht weiter hin- und hersinnen. Ich will einfach die Gänse bewundern, ihre weiße Schönheit, ihre Freiheit im fetten Gras hinter dem Gatter, ihren unverkennbaren Stolz, ihre Aufrichtigkeit, ihren Mut, den sie uns Riesen mit dem Drohen der Schnäbel sofort beweisen. Und ich freue mich, wie sie sofort zu lauschen beginnen, als Elisabeth mit ihnen spricht, sie lobt, ihnen schmeichelt. Nur noch ganz diesen Moment will ich sein, in dem es keine Probleme gibt, nur die Gänse und wir, gegenüber, zusammen.

Im Flug der Wolken
wechselndes Weiß.
Menschenunschuld.

 

 

 

2017

Woche 45 

November   

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Emils neue Trommel
Geschichte für Kinder

Wie jeden Sonntag ist auf dem großen Parkplatz vor dem Möbelhaus Flohmarkt. An den Ständen drängen sich Menschen. Da gibt es Kuckucksuhren, Bücher und Musik, Filme, Teller und Tassen, Bratpfannen, Bilder, Schlitten, Ski und Skistiefel, Lampen, Küchenmöbel, Orden und Pokale, eine Herdplatte und noch viel mehr.

Emil steht schon lange vor diesem einen Stand und schaut sich die Trommel an. Es ist eine kleine Trommel, sie wäre gerade richtig für ihn. Wie ein Topf aus Holz sieht sie aus, dessen Öffnung mit einem Fell bespannt ist.

Die Verkäuferin hat wenig zu tun. Die Leute strömen an ihrem Stand vorbei. Sie sieht den Jungen – und greift nach der Trommel. Sie spielt dem Jungen auf der Trommel vor.

Tam, ta-Tam Tam, ta-ta Tam Tam.

Emil spürt sein pochendes Herz. „Was kostet die Trommel?“, fragt er laut.

Wenig später sitzt er in seinem Zimmer zu Hause. Er streicht mit den Händen über die Trommel: das Holz, das Fell.

Er versucht ein paar Schläge: Tam ta-Tam, Tam ta-Tam.

Der Ton gefällt ihm.

Tam Tam – ta-ta-Tam Tam. Tam Tam ta-ta-Tam Tam.

Eine ganze Weile spielt er so auf der Trommel, bis er seine Finger spürt. Das ist er nicht gewohnt. Aber er wird sich daran gewöhnen, denn die Trommel ist wunderbar!

Wieder schlägt er: Tam Tam Tam.

Als er dann lauscht, mit seinen schmerzenden Fingern, spürt er hinter dem kurzen Hall des letzten Schlags noch etwas anderes, etwas, das kein Ton ist, aber doch immer lauter wird.

Er schlägt wieder ein paar Töne: Tam Tam ta-Tam.

Und lauscht.

Tam ta-Tam Tam Tam.

Und lauscht.

Hinter den Tönen in diesem Lauschen scheint sich sein ganzes Zimmer zu verändern. Oder eigentlich nicht zu verändern, sondern sich neu zu zeigen. Als wollte auch das Zimmer laut werden und zu reden beginnen.

Die Bücher in seinem Regal. Die großen Augen der Plüschtiere. Der Drache. Der Ball.

Tam-ta ta-Tam Tam.

Emil wechselt ab mit dem Schlagen und Lauschen.

„Die Töne werden so schön durch die Stille“, sagt er dann laut zu seinem Hasen Eddie.

Die Mutter ruft zum Essen. Emil stellt die Trommel mitten ins Zimmer. Er weiß, dass sie hier auf ihn warten wird, mit Eddie, mit ihren Tönen und mit der ganzen Stille ringsum.

 

    Aus dem soeben erschienenen: Volker Friebel (2017): Tanz um die Quelle. Meditative Tänze mit Kindern. Tübingen: Edition Blaue Felder.

 

 

 

2017

Woche 44 

Oktober / November   

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Ein Ausflugsbus fährt in den Norden, nach Connemara, einer wilden Landschaft mit Heide, Moor und Bergen. Schafe weiden. Menschen sieht man kaum.

Mit dieser Landschaft verbinde ich John O’Donohue (1956-2008), der mit seinem Buch Anam Cara berühmt wurde, verbinde ihn, obwohl er eigentlich vom Burren, der Gegend südlich von Galway, stammt. An eine Lesung in Tübingen erinnere ich mich gern.

O’Donohue erzählte, dass er in Tübingen Dialektik studiert und über Hegel promoviert habe. Als er aber nach Irland zurückkehrte und den Gesprächen der einfachen Menschen lauschte, fand er gar nichts davon.

Aussagen, meinte er, waren ganz rar. Es wurde im Gegenteil im Gespräch alles peinlichst vermieden, das man gegeneinanderhalten und über eine Auseinandersetzung zu einer Lösung bringen könnte.

Stattdessen fanden sich vorsichtige, indirekte Bemerkungen, die im Gesprächsverlauf erst ganz langsam eine Richtung einschlugen, mit „Möglicherweise ...“, „Es wäre vielleicht interessant ...“, „Man könnte doch mal ...“

Auf so etwas ließen sich die Menschen ein, und aus dem Vagen konkretisierte sich konfliktfrei immer mehr etwas, das alle einschloss – und am Ende wurde der Weidezaun tatsächlich geflickt.

Eigentlich, denke ich nun, ist das auch Dialektik. Erweitert um eine soziale Dimension.

Früher war O’Donohue katholischer Priester. Und schrieb in Anam Cara: „Wenn es einen spirituellen Weg gäbe, wäre er nur einen halben Zentimeter lang. Er würde lediglich darin bestehen, sich in den Rhythmus der eigenen inneren Natur und Gegenwart einzustimmen.“

Sein Grab liegt abseits der Menschen auf dem Burren. Das Denkmal darauf ist aus Holz.

 

    Aus dem Kapitel Galway in: Volker Friebel (2015): Im ausgewilderten Licht. Orte und Wanderungen. Tübingen: Edition Blaue Felder.

 

 

 

2017

Woche 43 

Oktober   

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Haiga-0095a-VolkerFriebel

 

Foto und Haiku sind aus dem letzten Jahr, mitgebracht von einer Reise durch Patagonien, die ich gerade zum Buch verarbeite, dabei fanden die beiden zum Foto-Haiku zusammen. Das war am Lago General Carreras, in den Anden, im chilenischen Sommer ...

 

 

 

2017

Woche 42 

Oktober   

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Haiga-0094a-VolkerFriebel

 

Haiku und Foto: Donnerstag, 19. Oktober 2017 am Silsersee, Oberengadin.

 

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